Zug und das teuerste «Rudolf-Steiner-Experiment» der Geschichte
Eine Rudolf-Steiner-Schule ist eine faszinierende Einrichtung. Um es etwas salopp auf den Punkt zu bringen: Sie orientiert sich an den Bedürfnissen und Begabungen der Schüler, um ihr Potenzial abzurufen. Also keine «schwarze», autoritäre Pädagogik.
Im Eishockey funktioniert dieser Führungsstil in den seltensten Fällen und nur bei einer hoch entwickelten, stabilen Leistungskultur. Am ehesten bei einem Klub mit einem treuen Publikum, das nicht von Siegen allein lebt und geführt von einem geduldigen Management. Kurzum: bei einem Klub, der nicht dem ultimativen Leistungsdruck und Streben nach dem Meistertitel ausgesetzt ist. Biel oder Kloten sind dafür gute Beispiele.
Um es wieder etwas polemisch zu formulieren: Einem Eishockeytrainer obliegt es, eine Gruppe junger Männer, die ihre Direktorengehälter nicht mit Arbeit, sondern mit einem unberechenbaren Spiel verdienen, bei Bedarf an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu bringen, manchmal auch darüber hinaus.
Eine Regel, von der es natürlich auch Ausnahmen gibt: Grosse Teams brauchen einen grossen Trainer mit einem Ego, das zu gross ist, um in der Kabine Platz zu haben. Die Nordamerikaner sagen dazu: Nur die besten Reiter können die besten Pferde reiten. Die ZSC Lions haben soeben einen vom Namen her kleinen Trainer mit antiautoritärem Führungsstil – Marco Bayer – nach dem Scheitern im Halbfinal gefeuert. Obwohl er im Jahr davor den Titel und die Champions League geholt hat und die Leistungs-Kultur eine gute ist.
Zug ist eines der reichsten Hockey-Unternehmen Europas, leistet sich eine der teuersten Mannschaften der Liga, wird wirtschaftlich abgesichert von einem Milliardär (Hans-Peter Strebel) und kann es sich zwischendurch leisten, ausländische Arbeitnehmer aus weiterlaufenden Verträgen zu verabschieden. Die Rückkehr an die Spitze ist und muss das Ziel sein. Die Egos einiger Stars passen fast nicht mehr in die Kabine und Arroganz ist der Führungsetage nicht gänzlich fremd. Aber Selbstvertrauen gehört ja auch zu den Erfolgsgeheimnissen im Sport bzw. in der Unterhaltungsindustrie.
Von der DNA her ist Zug ein Hockey-Unternehmen, das auf der wichtigsten Position der Sportabteilung eigentlich einen grossen, charismatischen Bandengeneral braucht. Einen wie Dan Tangnes einer war, der Zug zweimal meisterlich gemacht hat. Das Scheitern seines Nachfolgers Michael Liniger ist im Rückblick (hinterher weiss man immer alles besser) logisch. Seine Integrität und fachliche Kompetenz standen und stehen nie zur Debatte. Aber sein Führungsstil passt eher zu einer Rudolf-Steiner-Schule und zu einem Klub wie Kloten. Er ist so gesehen der logische neue Trainer bei den Zürchern. Der Emmentaler ist dort heimisch geworden und war von 2007 bis 2016 der Leitwolf eines Teams, das dreimal den Playoff-Final verloren hat. Er kehrt nun hockeytechnisch und auch sonst sozusagen nach Hause zurück.
Aktuelle
Note
7
Ein Führungsspieler, der eine Partie entscheiden kann und sein Team auf und neben dem Eis besser macht.
6-7
Ein Spieler mit so viel Talent, dass er an einem guten Abend eine Partie entscheiden kann und ein Leader ist.
5-6
Ein guter NL-Spieler: Oft talentierte Schillerfalter, manchmal auch seriöse Arbeiter, die viel aus ihrem Talent machen.
4-5
Ein Spieler für den 3. oder 4. Block, ein altgedienter Haudegen oder ein Frischling.
3-4
Die Zukunft noch vor sich oder die Zukunft bereits hinter sich.
Die Bewertung ist der Hockey-Notenschlüssel aus Nordamerika, der von 1 (Minimum) bis 7 (Maximum) geht. Es gibt keine Noten unter 3, denn wer in der höchsten Liga spielt, ist doch zumindest knapp genügend.
Punkte
Goals/Assists
Spiele
Strafminuten
-
Er ist
-
Er kann
-
Erwarte
Sein Vorgänger Lauri Marjamäki, in Finnland als Nationaltrainer im Frühjahr 2018 mit einer schmählichen WM-Viertelfinalniederlage gegen die Schweiz krachend gescheitert, war zwei Jahre lang der perfekte Coach für Kloten. Ein freundlicher, kluger, verständnisvoller, ein wenig zur Melancholie neigender, kreativer Chef mit einem feinen Gespür für Ironie – fast wie eine Figur aus einem Film des finnischen Kultregisseurs Ari Kaurismäki. Oder eben perfekt für eine Führungsposition in einer Rudolf-Steiner-Schule.
Und nun kommt er als Chef sozusagen in ein Elite-Internat für reiche Kinder und hat den Auftrag, eine etwas angestaubte Leistungskultur wieder zu bürsten, zu kämmen und zu polieren. Eine wunderbare Konstellation, eine Realität, die wieder einmal – wie so oft in unserem Hockey – jede Fiktion bei Weitem übertrifft.
Kann das funktionieren? Wenn ja, dann verdienen Zugs tüchtiger Manager Patrick Lengwiler und sein fleissiger Sportchef Reto Kläy einen Nobelpreis für die Führung von Sportunternehmen, eine finanziell gut gepolsterte Professur an der HSG in St.Gallen und an der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen. Wenn nicht, dann wird es in Zug Zeit für ein gründliches «House Cleaning» in der Sportabteilung. Sicher ist nur eines: Die Unterhaltung wird so oder so grandios sein.
Sollte es in Zug nicht funktionieren, dann sollte es einen würdigen, der hohen Unterhaltungskultur unseres Hockeys würdigen Abschied für Lauri Marjamäki geben: Er übergibt seinen Wintermantel vor dem Heimflug nach Finnland symbolisch am Flughafen an Michael Liniger, seinen Nachfolger in Kloten.
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